Gothic – Mehr als eine musikbasierte Subkultur
Kurzes Vorwort, bevor es wirklich losgeht, ihr werdet in diesem Blogeintrag viele verschiedene Arten von Anmerkungen finden. Allgemeine Anmerkungen in „(…)“ direkt in den Texten und Sidenotes in Form von „{…}“ Linksbündig geschrieben und weitere Nebeninfos die in Form von „[…]“ zu finden sein werden.
Dieser Beitrag wird etwas sehr, sehr persönliches, denn, einige die mich kennen wissen dies schon, ich bin selbst seit mittlerweile fast 14 Jahren in der Gothic-Szene zuhause, also bald mehr als mein halbes Leben, daher fange ich genau damit an, etwas persönliches über mich und meinen Einstieg in die Szene.
Mit 13 Jahren, bin ich in die Gothic-Szene gerutscht, nicht zuletzt durch meinen Großcousin Jack.
Als dieser Mensch damals plötzlich vor mir stand (wir (Mama, Schwesterherz und ich) waren damals auf dem MPS unterwegs), ganz in Schwarz gekleidet, mit Piercings im Gesicht, schweren Stiefeln an den Füßen und Kette an der Hose, war meine erste Reaktion… Ablehnung.
Ja richtig gelesen, ich hab damals wortwörtlich zu meiner Mama gesagt: »Wenn ich jemals auf die Idee komme so rumzulaufen, bitte halt mich davon ab.«
Die Reaktion meiner Mama, hallt bis heute nach: »Das musst du mir schon schriftlich geben.«
Hab ich natürlich nicht gemacht, die Quittung hab ich heute; Ich laufe immer noch komplett in Schwarz rum, höre „traurige“ Musik und hänge auf Friedhöfen rum… (Letzteres trifft tatsächlich gelegentlich zu, auch wenn es eins der absoluten Klischees ist, aber dazu kommen wir später.)
Nach dem ersten Aufeinandertreffen von Jack und mir, hat er mich kurzerhand bei Facebook geaddet, mir wurde Musik angeboten und Schminktipps von seiner damaligen Partnerin (die bei dem zufälligen aufeinandertreffen natürlich auch dabei war (und ich war halt noch ungeoutet aber das ist eine eigene Geschichte)).
Die beiden haben sich einfach über Szene Nachwuchs gefreut, spezifisch zu dem Zeitpunkt, als ich dann tatsächlich doch neugierig wurde und angefangen habe Fragen zu stellen, zum Beispiel; »Welche Musik hört man denn so?«
Vorgeschlagen wurden mir unteranderem Deathstars mit Cyanide (bis heute eine der Bands und spezifisch der Lieder, die mich begleiten), oder auch Stahlmann, empfohlen als „Musik zu der man gut tanzen kann“.
{Deathstars sind im Genre Alternative Metal und
Stahlmann in der Neuen Deutschen Härte/Dark Rock angesiedelt.}
Es folgten mehr Fragen, mehr Interesse an der Szene, Eigenrecherche, die ersten Schwarzen Klamotten und die Erkenntnis, dass ich vieles in der Szene vertretene an Musik schon höre, wenn auch bisher nicht bewusst, so kannte ich zum Beispiel Musiker wie ASP, Oomph! und einige weitere schon, durch das Online Radio in dem ich damals schon länger Hörer war.
{ASP [wird übrigens wie Ast nur mit P gesprochen und nicht A-S-P]
werden von außen im Rock/Dark Rock verordnet, er selbst
beziehungsweise die Band verordnen sich im Gothic Novel Rock,
was die Musik stilistisch auch sehr viel besser beschreibt.
Oomph! haben dafür über die Jahre hinweg
einmal die gesamte Genrepalette durchgespielt,
sie sind mit EBM gestartet, zur Neuen Deutschen Härte hin
über Synth-Rock bis zum heutigen Dark Rock.}
Meinen eigenen „Gnadenstoß“ verpasste ich mir selbst, als ich mir für Halloween 2012 dann mein erstes Halsband kaufte und dieses ab da, eigentlich Tag ein, Tag aus trug, teilweise sogar damit einschlief, weil ich schlichtweg vergaß es abzunehmen. Das war so der Punkt, an dem ich einsah, dass ich Teil dieser Szene geworden bin und das obwohl ich es ursprünglich doch gar nicht wollte. Dennoch zelebriere ich seitdem, jedes Jahr an Halloween (ich bevorzuge mittlerweile Samhain, woher dieses Fest eigentlich stammt), nicht nur die Spooky Season und das Fest selbst, sondern auch meinen Szene-Geburtstag, denn die Gothic-Szene ist mein Zuhause geworden, schleichend und leise, ganz unbewusst, bin ich ein Teil davon geworden und sie ein Teil von mir.
Heute betitel ich mich selbst meist als Batcaver, was so gut wie immer dazu führt, dass ich den Begriff erklären muss und was allem voran daran liegt, dass dieser Begriff am besten zu meinem Auftreten passt (dazu komme ich dann auch noch).
{Jap, das hier wird ein längerer Artikel, wer hätte das gedacht.}
Doch es soll hier (nicht nur) um mich gehen, sondern um die Gothic-Szene ansich, also, was hat es mit dem Titel „Gothic – Mehr als eine musikbasierte Subkultur“ eigentlich auf sich?
Um das so richtig aufzuschlüsseln müssen wir eine kleine Zeitreise machen, nämlich zum Ende der 70’er und Anfang der 80’er Jahre. Die Gothic-Szene bildete sich maßgeblich aus den Bewegungen des Post-Punk und New-Wave, aber auch aus anderen kleineren Splitterkulturen. Einer der wohl auch heute noch bekanntesten Clubs in dem diese neue Bewegung zu finden war und sich maßgeblich gebildet hat, war der Batcave Club in London.
{Ja, die Betitelung Batcaver hat Bezug auf den Club,
ihr werdet es verstehen, wenn wir an dem Punkt sind.}
Musikalische Vorreiter in der Gothic-Szene waren Bauhaus, Siouxsie and the Banshees, Joy Division, The Sisters of Mercy, The Cure und auch Depeche Mode.
{Kurzer Ausflug in die Genre-Einordnung; Bauhaus: Post Punk und Dark Wave.
Siouxsie and the Banshees [Gesprochen: Susie and the Banshees]: Punk und Post-Punk,
später dann New Wave und Alternative Rock.
Joy Division: Post-Punk.
The Sisters of Mercy: Hard Rock, New Wave, Post-Punk und Dark Wave.
The Cure: Post-Punk, Dark Wave gefolgt von New Wave und Pop,
wieder zum Dark Wave, anschließend wieder zum Pop und Rock/Alternative Rock.
Depeche Mode: Synthie-Pop, Synth Rock, New Wave und Dark Wave.}
Was nun einigen auffallen dürfte; Wo ist denn der Gothic-Rock als Genre? Ganz einfach erklärt; Diese Bezeichnung hat sich erst im Verlauf der 80’er Jahre entwickelt und wurde nachträglich bei so ziemlich allen der oben genannten Bands mit draufgeklatscht (Depeche Mode ausgeschlossen, obwohl die ebenfalls Tragend waren damals). Anders gesagt; Die Musik wie wir sie heute in der Szene kennen und auch die Betitelung durch das „Gothic-Genre“ haben sich erst später entwickelt und damit kommen wir auch zu meinem Punkt; Die Gothic-Szene war schon immer mehr als ihre Musik und die Kleidung, auch wenn beides ein maßgeblicher Bestandteil ist.
Gothic ist allem voran ein Lebensgefühl und auch ein politisches Statement, nicht nur einfach schwarze Kleidung und Musik, aber lasst uns doch mal kurz von der Musik weg, hin zur Kleidung und warum diese mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, ist als die Musik.
{»Seht her wir tragen Trauer
Für die Welt die Ihr ausschlachtet[…]«
~ASP – Tiefenrausch}
Diese Textzeile beschreibt das Lebensgefühl der Szene ziemlich gut, denn warum tragen Gothics eigentlich vorrangig Schwarz? Eben genau das, liegt am Lebensgefühl der Szene, was damals maßgeblich zur Bildung dieser beitrug und leider mit der Zeit immer weiter verloren ging. Die Farbe Schwarz ist in der westlichen Kultur allgemeinhin als Farbe der Trauer bekannt und um direkt ein Vorurteil raus zu nehmen; Nein, wir sind nicht Depressiv oder immer traurig, wir sind auch nicht Lebensmüde oder sonst was, aber ein wichtiger Teil der Gothic-Szene war schon immer sich mit der Vergänglichkeit (und auch der Schönheit in dieser) auseinander zu setzen. Wart ihr schonmal einfach so auf einem Friedhof spazieren? Nein? Macht das mal, am besten auf einem, der für euch nicht mit einem direkten Verlust zusammenhängt, sondern auf einem, wo ihr euch unbefangen bewegen könnt.
Nehmt einen tiefen Atemzug, genießt die Stille, schaut euch die teilweise wirklich schöne Architektur der Grabsteine an, lest ruhig auch die Namen auf den Gräbern. Die Atmosphäre auf Friedhöfen ist eine ganz eigene, es ist eine andere Art der Ruhe, der Vergänglichkeit und genau dieses Gefühl, das macht die Bewegung der Gothic-Szene maßgeblich aus und die Kleidung, ist genau ein Teil des Ausdrucks, der dazu gehört und daher so wichtig ist (und sich teilweise auch in der Musik widerspiegelt).
{»Gruftis sind junge Leute, die in einer Art Endzeitstimmung leben.«
~Nachtmahr – Endzeitstimmung}
{Nachtmahr wird in den Genres Aggrotech, Techno und Neofolk verortet.
[Anmerkung: Man kann die Band und ihr Auftreten durchaus und auch
berechtigt kritisieren, an dieser Stelle geht es mir wirklich nur um die
Textzeile und das, was diese ausdrückt.]}
Auch diese Textzeile beschreibt im Endeffekt sehr gut, was die Gothic-Szene ausmacht, spezifisch nochmal im Bezug auf die Kleidung. Denn das Schwarz, ist nicht nur ein Ausdruck der Vergänglichkeit, sondern auch für den Weltschmerz, der in der Szene ebenfalls nach außen getragen wird (das ergibt sich übrigens auch ebenfalls aus der Textzeile von ASP weiter oben).
Also ja, die schwarze Kleidung ist durchaus ein sehr wichtiger Bestandteil des Ausdrucks der Gothic-Szene, sie ist sogar maßgeblich, dabei muss diese nicht immer besonders imposant sein und nur weil man auch mal Farbe trägt, ist man nicht kein Goth mehr, denn das Wichtigste dabei, ist das Lebensgefühl, dass uns stetig begleitet, auch wenn wir mal nicht danach aussehen.
Ihr fragt euch jetzt wahrscheinlich; Aber was ist mit dem politischen Statement? In wie fern ist das Politisch? Was hat die Gothic-Szene mit Politik zu tun?
Das ist tatsächlich relativ einfach erklärt; Die Gothic-Szene ist unteranderem, wie oben schon erwähnt, aus dem (Post-)Punk hervorgegangen und vertritt dem entsprechend das Linke Politische Spektrum. Die Szene stand (auch mit der Kleidung als ebenfalls politisches Statement) schon immer dafür, aus der Masse heraus zu stechen, für Toleranz und Weltoffenheit. Rassismus, Ableismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit und alles was da noch so zu gehört, hat keinen Platz in der Szene und wenn man irgendwas davon vertritt, da muss ich einfach Gatekeepen, dann ist man kein Goth. Man ist dann vielleicht Fan der Fashion und der Musik, aber die Kultur der Szene, die hat man dann absolut nicht verstanden und wie schon gesagt, dann ist man einfach kein Goth, dann ist man einfach nur ein Idiot, der sich etwas aneignet, zu dem man nicht gehört.
{»[…]Vielleicht schwimme ich gegen den Strom
Doch auch ich bin Teil dieser Nation[…]«
~Agonoize – Staatsfeind}
{Agonoize sind im Genre Aggrotech
(oder auch Hellektro genannt) zu verzeichnen.}
Der Text von Agonoize bringt auch das politische Statement der Kleidung der Gothic-Bewegung gut zum Ausdruck. Natürlich ist ein Teil des Sinnes der Kleidung auch das damit Auffallen und gegen den Strom schwimmen, trotzdem sind wir ein Teil dieser Gesellschaft. Ich glaube viel mehr erklären, brauch ich hier wirklich nicht.
Lasst uns zum Schluss nochmal zurück zur Musik und Kleidung gehen, bevor wir zum Fazit kommen. Wie am Anfang schon sicherlich hervorging, ist die Musik in der Szene nicht pauschal als Gothic-Rock oder Gothic-Punk zu bezeichnen, denn diese Genres wurden, wie schon erklärt, erst später dazu gedichtet. Viel mehr ist die Gothic-Szene geprägt von vielen verschiedenen Genres, die aber alle etwas gemeinsam Ausdrücken in irgendeiner Art; Weltoffenheit, Toleranz, Spaß, Tanzen, Lebenslust und die Schönheit und Romantik in der Vergänglichkeit.
Beliebte Genres in der Szene sind die Neue Deutsche Härte, New Wave, Dark Wave, Post-Punk, EBM, Aggrotech, Synthie-Pop, Synth Rock, Dark Rock, Dark Metal und noch viele, viele mehr und so bilden sich zum Beispiel auch die verschiedenen Splittergruppen innerhalb der Gothic-Szene.
Cybergoths, Batcaver, Victorian-Goths, Endzeitromantiker und so viele mehr.
{Ich werde mir an dieser Stelle zwei spezifische Splittergruppen zum Beispiel nehmen,
da ich mit diesen direkte Berührungspunkte habe.}
Fangen wir mit den Batcavern an, zu denen ich mich auch zähle. Der Begriff Batcaver ist auch erst im Verlauf der Zeit entstanden und beschreibt die „Ursprungs-Goths“ wie sie im damaligen Batcave Club in London aufgetreten sind, im Stil noch stark vom Punk geprägt, die ersten Auswüchse einer neuen, sich gerade bildenden Szene, daher auch Goth-Punks oder Gothic-Punks genannt, die nicht nur stilistisch, sondern auch sowohl politisch als auch musikalisch von eben dieser Szene noch stark geprägt sind, vermutlich stärker, als der Rest der Gothic-Kultur.
Die Cybergoths sind erst später entstanden und bringen stilistisch viel aus der Waver und auch Raver Bewegung mit, dennoch vertreten sie mit ihrem Auftreten, die gleiche Mentalität der restlichen Gothic-Szene, auch wenn sie von dieser oft aufgrund ihres Stils belächelt werden.
{Ja das ist tatsächlich so, ich war und bin teilweise auch als Cybergoth unterwegs
und hab das leider selbst auch schon erlebt.}
Cybergoths stechen mit ihren meist stark Neonfarbengeprägten Outfits extrem aus der Masse heraus und tragen doch das gleiche Lebensgefühl mit sich, wie der Rest der Szene. Die Gasmasken, Schweißerbrillen und Cyberloxs (die Haarteile der Cybergoths) sollen im wahrsten Sinne des Wortes, eine Endzeitstimmung darstellen, eine andere Form der Vergänglichkeit, durch eine Apokalypse ausgelöst. Daher auch die Neonfarben, welche Strahlen.
{Und ja, auch Cybergoths sind politisch.}
Es gibt aber auch noch mehr Themen und Dinge, die die Gothic Kultur Bewegen und diese Stark prägen, zum Beispiel eine Art der Romantik, die auch wieder mit einer gewissen Vergänglichkeit und Melancholie zusammenhängen kann.
{[…]However far away
I will always love you
Whatever words I say
I will always love you
Whatever games I play
I will always love you[…]
~The Cure – Lovesong}
Das mit der Romantik geht aber auch ohne die Vergänglichkeit und Melancholie (wie gesagt, wir sind nicht dauerhaft traurig oder Depressiv).
{[…]Ja, wir sind ein Gemisch zur Sensation prädestiniert
Eine magische Verbindung und ein Teufelselixier
Ich war allein, so leer und halb, doch jetzt gehör ich dir
Lass es für immer sein, komm, nimm mich jetzt und nimm mich hier[…]
~ASP – Werben}
{Und ja, ASP ist einer meiner absoluten lieblings Artists
und dafür werde ich mich nicht entschuldigen!}
Auch ein wesentlicher Bestandteil sind Gedichte, Bücher, Architektur, Kreativität, Düsteres, Obscures und Okkultes, all das und noch viel mehr, findet Platz in dieser Subkultur. Also ja, ich könnte hier noch sehr viel weiter ausholen.
Aber kommen wir endlich zum Abschluss, dem Fazit (wenn man das hier so nennen kann).
Ist die Gothic-Szene eine musikbasierte Subkultur? Ja – unteranderem! Aber eben nicht nur.
{Wenn es eine rein musikbasierte Subkultur wäre,
dann wären, überspitzt formuliert, alle Menschen die
heute noch Depeche Mode hören, Gothics.}
Einer der wichtigsten Punkte ist nach wie vor, das Lebensgefühl und die politische Bewegung der Szene, auch wenn es, und das muss man an dieser Stelle leider auch festhalten, Tatsache ist, dass mit der Zeit die Ursprünge der Szene verloren gegangen oder zumindest verwaschen sind, was nicht zuletzt, auch am Internet und dessen Entwicklung liegt.
Quellen wie Infoseiten, die noch den Ursprung erfassen, verschwinden und damit verwischen natürlich auch unsere Spuren, wie Wellen, die die Spuren im Sand fortspülen.
Dinge (ver-)änderen sich, auch Subkulturen, aber umso wichtiger ist es meines Erachtens nach auch, die Ursprünge und die Kultur zu bewahren und zu achten.
Ich möchte euch zum Abschied in diesem Beitrag noch eine kleine Playlist mitgeben, mit Songs der hier aufgelisteten Bands und auch den Liedern, aus denen ich die Textzeilen zitiert habe.
{Tatsächlich fällt es mir schwer, hier die passenden Abschlussworte zu finden,
daher lasse ich hier nochmal zum Abschied ein kleines Zitat sprechen,
aus einem meiner lieblings Lieder.}
{[…]Verspotte das Leben, verachte den Tod, durch das Fenster schimmert das Abendrot.
Ich will den Suff und die Liebe pur, keine halben Sachen, denn da läuft die Uhr.
Heut soll keiner klagen, lieber mal was wagen, bis der Sensemann bittet zum letzten Tanz[…]
~Luna Luna – Wenn ich tot bin… (sollst du tanzen)}